Interview vegane Ernährung

Was der Bauer nicht kennt, daß frißt er nicht. Würde der Städter kennen, was er frißt – er würde umgehend Bauer werden.

Oliver Hassencamp

Im Rahmen eines Experteninterviews für eine Arbeit in einem Bachelorstudium wurde ich zu veganer Ernährung befragt. Ob ich ein Experte bin, das sei mal dahin gestellt… nach dem Interview dachte ich jedenfalls, dass der Senf, den ich von mir gegeben habe, nicht so viel schlimmer war als der Großteil dessen was sonst zum Thema Ernährung im Netz kursiert. Und weil das Gespräch sowieso transkribiert wurde, habe ich es etwas gekürzt, einige Formulierungen aufgehübscht und stelle es hier zur Verfügung. Enjoy!


Interviewer:

Wie würde deiner Meinung nach ein optimal Ernährungsverhalten aussehen? Gibt es überhaupt die optimale Ernährung?

Moritz Binder:

In der zweiten Frage liegt schon der Hinweis auf eine Antwort, denn es gibt die eine pauschal richtige Ernährung aus meiner Sicht nicht. Man kann eine Empfehlung immer nur personalisiert aussprechen, ausgehend von den individuellen Voraussetzungen, die jemand mitbringt, aber auch im Hinblick auf das Optimierungsziel und die Umsetzbarkeit in einer jeweiligen Lebenssituation.

Also der Reihe nach: es kommt auf das Alter eines Menschen an, auf das Geschlecht, die Vorerkrankungen, die Familienanamnese, auf die Bewegungsgewohnheiten im Alltag und sportlichen Aktivitäten, den Tagesrhythmus, also grundsätzlich das Gesamtpaket, das jemand mitbringt. Das sollte man erfragen und zusätzlich Diagnostik machen, das heißt idealerweise genetische Diagnostik, laborchemische Marker zu Metabolismus und Nährstoffversorgung, Stuhldiagnostik, aber beispielsweise auch die Blutzuckerregulation auf verschiedene Nahrungsmittel eruieren. Dabei wird man nämlich herausfinden, dass vielleicht eine Ernährungsform, die für deinen besten Freund super ist, mit der er sich fit fühlt und 10 Kg abgenommen hat, dir vielleicht gar nicht gut tun wird.

Abnehmen ist ein gutes Beispiel: ich persönlich denke, dass das mit einer ketogenen, oder zumindest sehr Fett-lastigen und Protein-reichen, Low-Carb-Ernährung grundsätzlich am besten funktioniert. Es mag aber sein, dass du an einer familiären Hypercholersterinämie leidest und deine Blutfettwerde unter dieser Ernährungsform durch die Decke schießen. Oder vielleicht hast du Probleme mit deiner Gallenblase weswegen dir Gallensäuren zur Fettverdauung nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen und du immer Bauchschmerzen bekommst. Oder du hast einen Apo-E 4/4 Genotyp mit einer Neigung zu einem verringerten Abtransport von Triglyceriden aus dem Gefäßsystem, die dann entsprechend im Blut zu hoch sind – es gibt also zig Gründe gegen eine Diät, die ich persönlich in vielerlei Hinsicht, und nicht nur unter dem Aspekt einer Gewichtsreduktion, sehr sinnvoll finde. Das ist alles inhaltlich an dieser Stelle inhaltlich zweitrangig, es soll nur zeigen, dass eine individuelle Diagnostik für eine personalisierte Empfehlung, wenn die denn jemand haben möchte, wichtig ist und dass diese Diagnostik auch nicht von jedem dahergelaufenen Hobby-Ernährungsexperten geleistet werden kann, sondern es jemanden mit Expertise braucht.

Eine andere Frage ist auch das Optimierungsziel, also unabhängig davon, was jemand an Voraussetzungen mitbringt. Wenn jemand sich gesund ernähren möchte im Sinne eines langen Lebens mit langer Gesundheitsspanne, dann wird sich vermutlich eine andere Empfehlung ergeben, als wenn jemand beispielsweise maximalen Muskelaufbau betreiben möchte oder an einer Autoimmunerkrankung leidet.

Und zuletzt braucht es dann einen gewissen Pragmatismus oder einen Realitätencheck. Wenn ich irgendjemandem eine ganz tolle Diät empfehle, die er aufgrund ethischer Abwägungen wie bei der veganen Ernährung, einfach wegen persönlicher Präferenzen oder schlicht der Lebensumstände nicht einhalten wird, dann wäre es eben zu kurz gegriffen zu sagen: „Dann lassen wir es eben ganz!“. Es geht ja nicht um eine Ideallösung, sondern darum, herauszufinden an welchen Punkten man Kompromisse macht und wie dadurch ein Konzept handhabbar werden kann.

Das wären so grundsätzliche Punkte. Ein interessanter Aspekt ist, dass deine Frage ganz spezifisch auf eine diätische Restriktion anspielt, eben unser Thema der veganen Ernährung. Also eine diätische Restriktion in dem Sinn, dass man sich bei allen Nahrungsmitteln, die es gibt, auf eine bestimmte Gruppe begrenzt und etwa bei der veganen Ernährung sämtliche tierischen Produkte außen vorlässt. Bei Low-Carb werden nur wenige Kohlenhydrate akzeptiert, bei Paleo nur solche Nahrungsmittel, die vermeintlich unsere Vorfahren vor tausend Jahren schon gegessen haben und so weiter. Also das ist beinahe immer eine diätische Restriktion, wenn über eine Ernährungsform gesprochen wird.

Aber es gibt natürlich andere Aspekte, die leider vernachlässigt sind, aber genauso wichtig wären. Da gibt es die Dimension einer zeitlichen Restriktion im Sinne eines Fastenfensters, sei es täglich oder über einen längeren Zeitraum hinweg. Aber auch insgesamt die Menge an Nahrung, die wir zu uns nehmen, also eine kalorische Restriktion. Genauso aber auch die Frage nach der Qualität, Schadstoffbelastung und Herkunft unseres Essens, denn wenn ich einen Salat im Supermarkt kaufe, der durch Kühllieferketten aus Peru nach Deutschland importiert wurde, dann wird es nicht so lecker und auch nicht so nährstoffreich und gesund sein wie ein Salat, den ich im Hofladen kaufe, der vor zwei Stunden geerntet wurde.

Und vielleicht noch ein abrundender Aspekt ist, dass auch Esskultur und Gemeinschaft wichtig ist. Ich habe ein Semester in Italien studiert und da sieht man deutlich weniger dicke Menschen als bei uns, obwohl spät am Abend gegessen und Wein getrunken wird. Eine wesentlicher Punkt ist, dass die eine ganz andere Esskultur haben. Es wird nämlich in Gesellschaft und mit Freude gegessen, die Menschen nehmen sich Zeit zum Essen und sind grundsätzlich eher in einem entspannten, parasympathischen Zustand. Durch diese achtsame Nahrungsaufnahme kauen wir ausreichend, verbessern Nährstoffaufnahme im Darm und merken, wenn wir satt sind. Anders als hierzulande, wo es für viele nichts Ungewöhnliches ist, sich auf dem Nachhauseweg und beim Gehen schnell einen Döner reinzudrücken.

Interviewer:

Welche gesundheitlichen Vor- und Nachteile siehst du in der veganen Ernährung? Und ist die vegane Ernährung denn langfristig gesund für uns Menschen?

Moritz Binder:

Ich sehe da per se keine nennenswerten Vor – noch Nachteile unter dem Aspekt der Gesundheit. Ich glaube, dass man, wenn man die passende Grundkonstitution hat und bestimmte Labor Parameter bzw. Nährstoffe substituiert, lange gesund sein kann, solange diese Ernährung viel frisches Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, gute Öle beinhaltet und nicht nur aus Pommes und Ketchup besteht. Das ist letztlich auch eine vegane Diät.

Es gibt Menschen, die sich über viele Jahre hin vegan ernähren und auch kerngesund sind und teilweise sogar auf Weltklasse Niveau Sport machen wie z.B. Fiona Oaks, Rich Roll oder Morgan Mitchell. Wenn man es richtig anstellt und die passende Genetik mitbringt, dann geht das offensichtlich.

Ich würde abraten von einer veganen Ernährung bei Kindern, denn ich habe in der Kinderheilkunde und Allgemeinmedizin mehrere Eltern gesehen, die ihre Kinder in guter Absicht vegan ernährt haben und die Kinder dann deutlich Entwicklungsverzögerungen oder sogar Schäden hatten. Es kann also richtig schief gehen, wenn es auch in Einzelfällen und wieder auf Basis passender Voraussetzungen und richtiger Substitution gelingen mag. Ich glaube nicht, dass Kinder zwingend Fleisch brauchen, aber hochwertige Milchprodukte mit hohem Eiweißgehalt wären vermutlich sinnvoll.

Wenn man jetzt von Gesundheitsaspekten absieht und vegane Ernährung global betrachtet, dann ist natürlich ein Vorteil von einer veganen Ernährungsweise, dass die insgesamt ressourcenschonender ist. Eine sehr fleischlastige Ernährung braucht mehr CO2 und verursacht größere Umweltschäden. Es gibt Berechnungen, dass eine Ernährung mit einem geringen Anteil tierischer Nahrung statistisch am besten für den Planeten ist.

Noch nachhaltiger und mehr im Einklang mit der Natur wäre es natürlich, wenn ein Jäger im Bayerischen Wald ein Wildschwein erlegt, um seine Familie zu ernähren, aber das ist ja eine krasse Ausnahme. 99 Prozent des Fleisches in unseren Kantinen, Krankenhäusern, aber auch auf den privaten Esstischen stammt aus industrieller Massen Tierproduktion. Diese ist ungesund für uns, furchtbar für die Tiere und eben auch für den Planeten.

Grundsätzlich würde ich eine vegane Ernährung unter gesundheitlichen Aspekten als weder gut noch schlecht sehen, wenngleich ich vermute, dass es für die meisten Menschen leichter einzurichten sein wird, sich als Omnivor gesund zu ernähren.

Interviewer:

Du meintest, du würdest es nicht empfehlen, Kinder vegan zu ernähren. Würdest du sagen, dass es noch andere Ausnahmen gibt?

Moritz Binder:

Absolute Ausnahmen nicht, unser Organismus ist zum Glück sehr anpassungsfähig. Das heißt, man kann sich auch an eine vegane Ernährung adaptieren, selbst wenn man keine guten Voraussetzungen dafür mitbringt.

Das wir uns die Frage stellen können, ist ein gewisser Luxus. Wenn man jemanden im Südsudan oder im Jemen fragt, ob er sich lieber vegan, ketogen oder nach Paleo ernähren möchte, dann ist das zynisch. Die Menschen dort sind froh, wenn sie überhaupt Etwas auf dem Tisch haben. In vielen Ländern ist die Ernährung sowieso sehr pflanzenlastig und Fleisch ist dann etwas ganz Besonderes, das häufig höheren Gesellschaftsschichten vorbehalten ist.

Grundsätzlich kann sich mit Sicherheit jeder vegan ernähren. Ich würde es wie gesagt unter gesundheitlichen Aspekten nicht pauschal empfehlen, aber so würde ich auch keine andere Form der diätischen Restriktionen blind empfehlen – weder Low Carb, High Carb, High Fat, Paleo, Ketogen und alle anderen Formen, die ich erwähnt hatte.

Interviewer:

Glaubst du es können Mangelerscheinungen bei einer veganen Ernährung auftreten?

Moritz Binder:

Was man direkt substituieren kann, sind B Vitamine, insbesondere Vitamin B12. Das war auch der Grund für die Entwicklungsverzögerungen bei den Kindern, die ich vorhin erwähnt hatte. In meinem Bekanntenkreis habe ich einige Menschen, die sich vegan ernähren und die nehmen zum Beispiel alle Vitamin B12. Ich glaube, dass die meisten Veganer mittlerweile einen Blick dafür haben.

Außerdem sollte man ein Auge auf Eisen, auf Jod und Vitamin D haben. Außerdem ist es oft nicht so einfach, mit einer rein pflanzlichen Kost genügend Proteine zu sich zu nehmen, etwa, wenn man viel Sport macht oder eben bei Kindern, die Proteine für ihr Wachstum benötigen. Da sollte man Wert darauf legen, dass man viele Nüsse und Hülsenfrüchte zu sich nimmt.

Außerdem würde ich Omega 3 Fettsäuren ergänzen. Da gibt es zwar auch die in pflanzlichen Produkten vorkommende Alphalinolsäure, aber auch Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure, die nur in tierischen Produkten, vor allem in fettigem Fisch enthalten sind. Der Körper kann sie theoretisch auch selbst aus dieser Alphalinolsäure synthetisieren, aber die Syntheseleistung, also die Enzymaktivität, ist bei den meisten Menschen viel zu niedrig, wenngleich der Körper diese Syntheseleistung auch an das Angebot anpasst, was sich als Beispiel für die gute Anpassungsfähigkeit unseres Organismus anbietet. Es gibt diese Omega 3 Fettsäuren übrigens auch vegan produziert aus Algen. Man kann also auch die Substitutionen vegan gestalten, wenn man das aus ethischen Gründen möchte.

Interviewer:

Gibt es auch größere Risiken für den Körper, wenn man komplett auf tierische Produkte verzichtet?

Moritz Binder:

Grundsätzlich habe ich keine Bedenken, weil man ja, mit den Ausnahmen, die wir eben besprochen haben, alle Mikro- und Makronähstoffe über eine vegane Ernährung zu sich nehmen kann.

Und wenn man achtgibt, dann sehe ich keine grundsätzlichen Risiken, die einer veganen Ernährung inhärent wären. Wenn man sich allerdings nur von Pommes und Ketchup oder Hafermilch Pudding ernähren würde, was ja eine vegane Ernährung zuließe, dann wäre das natürlich ungesund und man würde andere Mangelerscheinungen kriegen.

Interviewer:

Warum denkst du unterscheiden sich die Meinungen der Experten zur veganen Ernährung so sehr?

Moritz Binder:

Weil die meisten Menschen, die als Experten wahrgenommen werden, schlicht keine sind. Ich finde es gut und anerkennenswert, wenn sich jemand für das Thema Ernährung interessiert und sich auch einbringt, also auch öffentlich etwas dazu sagt, weil das Thema zwar einerseits von Leuten, die gleichermaßen laut wie unwissend sind dominiert wird, andererseits in der Medizin und im Gesundheitswesen aber auch absolut unterrepräsentiert ist. In einer ausgewogenen Ernährung liegt so viel Potenzial für Gesundheitsförderung und es wird einfach nicht genutzt. Das ist Wahnsinn! Da braucht es engagierte Menschen, die sich dazu positionieren und eine Diskussion auch anregen und natürlich auch verschiedene Meinungen haben.

Leider machen aus meiner Sicht viele Leute den Mund zu dem Thema auf und haben keine Ahnung. Nur weil jemand Koch oder Instagram Influencer oder selbst Ökotrophologe ist, heißt es nicht, dass der sich umfassend damit auskennt, wissenschaftliche Ergebnisse einordnen, eine personalisierte Empfehlung erarbeiten kann und vor allem heißt es nicht, dass derjenige eine neutrale Sicht hat. Vielmehr ist es so, dass die meisten dieser vermeintlichen Experten missionieren wollen und eine Agenda verfolgen, sich ganz selektiv auf einzelne Forschungsergebnisse stützen, die sie selbst oft überhaupt nicht ausreichend verstehen und gar nicht einordnen können, mit denen man aber den Mehrwert jeglicher Diät in Anführungszeichen beweisen kann.

Das ist bei den Atkins-Verfechtern nicht anders als bei den Paleo-Leuten, oder auch den Veganern, von denen oft China Study bzw. das im Rahmen dieser Studie veröffentlichte Buch von Colin Campbell angeführt. Das ist ein Forschungsprojekt mit einem nicht kontrollierten Forschungsdesign und mit beliebigen Schlüssen, die gezogen wurden bzw. eben solchen, die in die Propaganda von Colin Campbell passten – ganz schlechte Forschung!

Da würden mir jetzt die ganzen Aktivisten, die dazu Blogeinträge und Youtube- Videos machen, widersprechen und damit genau meinen Punkt bestätigen. Und ich kann leider nicht behauten, dass es bei uns Ärzten besser wäre. Im Studium spielt Ernährung praktisch keine Rolle, das höchste der Gefühle ist, dass uns eine Ernährungspyramide vor die Nase gelegt wird, die seit 20 Jahren überholt ist. Das Wort Ernährung existiert in der Approbationsordnung für Ärzte nicht, ich habe das extra einmal nachgesehen. Das irritiert mich sehr, bildet aber gleichzeitig den Missstand beziehungsweise das ungenutzte Potential der Ernährung in der Medizin insgesamt ab.

Es wäre auch ein großes, eigenes Thema, wie in den Ernährungswissenschaften Ergebnisse generiert werden, wie diese eingeordnet werden können, auch welche Vernetzung zwischen Industrie und Wissenschaft bestehen. Also wer finanziert das denn? Und dann auch noch die Frage wie diese Ergebnisse medial dargestellt werden, nämlich oft übertrieben, simplifiziert und mit Kernbotschaften, die den eigentlichen Forschungsergebnissen überhaupt nicht gerecht werden und die dann die Öffentlichkeit nur verwirren.

Ein Grundproblem ist, dass das Thema Ernährung extrem ideologisch aufgeladen ist und fast alle, die etwas dazu sagen eine Agenda verfolgen, also nicht neutral sind, sondern die eigene Wahrheit der Welt mitteilen wollen und mit einer selektiven Auswahl an Studien untermauern. Ich glaube noch nicht einmal, dass das bösartig oder geplant ist. Die machen das einfach aus ihrer begrenzten Scheuklappenperspektive heraus. Oder weil ein Buchdeal und viel Kohle dabei rausspringt.

Interviewer:

Meine nächste Frage bezieht auf die Auswirkung von Milchprodukten auf den menschlichen Körper. Haben Milchprodukte eine positive oder negative Auswirkung?

Moritz Binder:

Die Forschungsergebnisse diesbezüglich sind widersprüchlich. Ein großes Problem ist, dass viele Studien zu der Frage, ob Milchprodukte gesundheitsförderlich oder schädlich sind, industriefinanziert sind. Es ist insgesamt schwierig, in dieser Frage einen wissenschaftlichen Konsens zu erreichen.

Das von der Milchindustrie zumindest früher oft formulierte Argument für die Milch, dass sie reich an Kalzium und deswegen gesund sei, ist ein reiner Werbeslogan und entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Also nicht, dass da kein Kalzium drin ist, sondern dass sie deswegen gesund sei. Es gibt eine große schwedische Studie aus dem Jahr 2017, die nahelegt, dass Milch und Butter, also unverarbeitete, unfermentierte Milch mit einer höheren Gesamtsterblichkeit assoziiert ist. Fermentierte Milchprodukte, also Käse und Joghurt zum Beispiel, sind dagegen mit einem längeren Leben assoziiert. Das würde ich aber auch nicht auf die Goldwaage legen, obwohl das eine hochwertige, große Auswertung war, denn das Studiendesign lässt diese kausalen Schlüsse nicht zu. Das heißt, ich kann die Frage nicht beantworten und die Wissenschaft kann das aus meiner Sicht zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Letztlich ist die Frage, wenn man sie alleinstehend betrachtet, auch wieder zweitrangig, genauso wie die Frage nach einer Veganen oder einer anderen Ernährungsform, wenn man versucht, das unter gesundheitlichen Aspekten zu klären. Hier wiederhole ich meine alte Leier: man braucht ein individualisiertes Ernährungskonzept. Und dann können Milchprodukte eine Rolle spielen, sie müssen es aber nicht.

Interviewer:

Im Internet argumentieren viele Veganerinnen und Veganer gegen die Milch, weil Kuhmilch IGF-1 enthalten soll, die ein Kalb braucht, um groß zu werden. Als Erwachsener würde uns Milch aufgrund der Wachstumshormone schaden. Wie stehst du dazu?

Moritz Binder:

Es klingt erstmal plausibel, aber es bleibt nur ein aus dem Zusammenhang gerissenes, theoretisches und für sich alleine stehend unsinniges Argument. Es gibt viele weitere Argumente gegen die Milch, zum Beispiel hat sie wegen der in ihr enthaltenen Lactose einen viel höheren glykämischen Index als die meisten Menschen annehmen würden – das ist unter Gesundheitsaspekten schlecht.

So kann man ich mir aber jedes beliebige Nahrungsmittel, auch Hülsenfrüchte, Spinat oder Gummibärchen auswählen und biochemische Argumente finden, die für oder gegen dieses bestimmte Nahrungsmittel sprechen. Ich sage auch nicht, dass man diese molekulare Ebene nicht betrachten sollte, ganz im Gegenteil, sie ist total wichtig und muss in das Gesamtbild mit einbezogen werden. Sich aber selektiv einen einzelnen Mechanismus auszuwählen und auf dessen Basis dann zu sagen, dass z.B. die Milch gesundheitsförderlich oder gesundheitsschädlich ist, das ist viel zu kurz gegriffen.

Konkret IGF-1 ist ein Wachstumsfaktor, der in beinahe allen Geweben unseres Organismus vorhanden ist und von dem hohe Serumlevel mit besseren kognitiven Fähigkeiten assoziiert ist. Wenn jemand im Zusammenhang von Milch über IGF-1 sagt, dass das schlecht sei, dann ist das für sich stehend ein total sinnfreies Statement. Denn man muss das mit anderer Grundlagenforschung, mit klinischen und epidemiologischen Daten abgleichen, um unvoreingenommen zu einem Gesamtbild zu gelangen. Häufig sind aber diejenigen, die beispielsweise im Netz irgendwelche Blogartikel schreiben und gegen die Milch wettern nicht so vorgegangen, sondern hatten ihren initialen Standpunkt nach dem Milch gesundheitsschädlich sei und haben dann Daten gesucht, die das untermauern.

Die Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Da gibt es Teilbereiche, die man sehr genau beschreiben und definieren kann und dann auch zu Ergebnissen gelangt, die viele Jahrzehnte bestand haben. Aber in den meisten Gebieten, und erst recht in den Ernährungswissenschaften gibt es nicht die eine unumstößliche Wahrheit. Hier ist es die Frage nach Übereinstimmung und Tendenzen wichtig, man darf Forschungsdaten nicht als schwarz-weißes, statisches Konstrukt ansehen, sondern als etwas Flexibles und Dynamisches, das sich auch verändert, wenn neue Erkenntnisse sich durchsetzen.

Ich persönlich trinke übrigens deutlich weniger Milch als früher, weil ich denke, dass die Forschung insgesamt andeutet, dass Milch eher ungesund ist. Dafür habe ich sogar meinen Cappuchino-Konsum drastisch zurück gefahren…

Interviewer:

Ist der Veganismus ein Trend, der auch wieder abklingt?

Moritz Binder:

Ich würde vermuten, dass der Trend anhält, weil Nachhaltigkeit, biologische Landwirtschaft und eben auch Veganismus, das sind alles Schlagworte, die vor allem von der jungen Generation betont und eingefordert werden. Deswegen würde ich denken, dass das kein kurzfristiger Trend ist, sondern eine Entwicklung, die anhält.

Interviewer:

Jetzt sind wir auch schon bei meiner letzten Frage. Was würdest du raten, wenn man sich gesund und gut ernähren möchte? Was wären deine Tipps?

Moritz Binder:

Wenn da jemand zu mir käme dann würde ich natürlich diese umfassende Diagnostik machen wollen, sein Optimierungsziel herausarbeiten und dann sehen wie eine Ernährungsempfehlung umgesetzt werden kann.

Im Rahmen dieses Interviews kann ich natürlich nur versuchen eine Orientierung zu geben. Die einfachste Frage, die man sich stellen kann ist, ob das was ich auf dem Teller habe auch meine Ururgroßmutter als Essen hätte identifizieren können. Also einen Topf selbst gekochter Suppe würde sie erkennen. Egal ob die Suppe vegan oder mit Hühnchen ist. Das ist tendenziell eine gute, gesunde Ernährung. Den tiefgekühlten Gyros Teller würde meine Ururgroßmutter nicht erkennen. Deswegen ist das tendenziell keine gesunde Ernährung. Das wäre eine ganz basale Herangehensweise.

Eine andere wäre, aus der Vogelperspektive auf den riesigen Berg an wissenschaftlichen Daten zu sehen und sich auf große, randomisiert-kontrollierte Forschungsarbeiten zu konzentrieren. Dabei ergeben sich immer wieder Hinweise darauf, dass für die meisten Menschen tendenziell irgendeine Art einer mediterranen Vollwertkost gesund zu sein scheint. Also eine Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Kost, regelmäßig Fisch, hochwertigen Ölen, Nüssen und Kräutern. Das sind Bestandteile einer solchen mediterranen Vollwertkost, während sie praktisch keinen Zucker, schlechte Pflanzenöle oder hoch verarbeitete Nahrungsmittel beinhaltet.

Was meiner Meinung oft im gleichen Atemzug betont werden sollte, aber selten erwähnt wird, ist dass diese traditionellen Formen mediterraner Ernährung zum Beispiel auch tägliche Fastenfenster beinhalteten und wenig Blutzuckerpeaks provozieren, sei es durch einen eher niedrigen Kohlenhydratanteil, viel Ballaststoffe oder die Ernährungskultur mit Zeit und Entspannung beim Essen. Da ist wieder der Bogen zur Esskultur, die ich in Italien gesehen habe.

Fleisch wird häufig nicht empfohlen. Das ist aus meiner Sicht aber zu Unrecht so. Wenn man die Studien betrachtet, in denen das Fleisch als schlecht dargestellt wird, dann gibt es da, aus meiner Sicht, häufig krasse methodische Mängel und tendenziöse Schlussfolgerungen, weswegen Fleisch zu Unrecht als ungesund gilt. Ich habe natürlich das ethische Dilemma, denke aber, dass Fleisch sehr gesund sein kann, insbesondere wenn man das ganze Tier isst, also auch Organe und nicht nur mageres Steak. Aber das ist eher eine persönliche Meinung und nicht die offizielle Empfehlung.

Konkret kann man jetzt versuchen mit diesen Nahrungsmitteln der mediterranen Vollwertkost seinen Proteinbedarf von mindestens 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zu decken, mindestens 30% aller Kalorien aus hochwertigen Fetten zu sich zu nehmen, den restlichen Energiebedarf mit Kohlenhydraten zu ergänzen und dabei nicht mehr Kalorien zu sich zu nehmen, als der Körper benötigt.

Das heißt wir schauen erst mal, was isst man gut. Das sind diese Dinge, die in der mediterranen Vollwertkost eine wichtige Rolle spielen. Dann versuche ich das anteilig so zu mir zu nehmen, dass ich meine Makronährstoffe richtig erfülle. Wenn man die ganze inhaltliche Empfehlung jetzt in ein tägliches Fastenfenster von mindesten 12, idealerweise 16 Stunden einbettet, seine Lebensmittel saisonal und lokal kauft und wenn man dann noch mit Freude und in Gemeinschaft und zu ähnlichen Zeiten isst, um seinen Biorhythmus zu unterstützen, und kein schlechtes Gewissen hat, wenn man ab und zu mal sündigt, macht man schon ziemlich viel richtig.

Interviewer:

Super, ich danke dir für deine Zeit!